13 Stunden solo auf dem Ijsselmeer

Geschrieben von Riclef Schomerus am .

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Auf dem Ijsselmeer gibt es ein neues Regattaformat, die 75 mijls. Das besondere bei der Langstrecke um vorgegebene Tonnen ist, dass es nicht einen festen Startzeitpunkt gibt. Vom 1. März an hat man ein Jahr lang Zeit, die Strecke abzusegeln und sich dafür die Start-Ziel-Tonne und die Segelrichtung auszusuchen.  Gewertet wird nach der berechneten, nach LWL korrigierten Durchschnittsgeschwindigkeit.

Die flexible Startzeit hat den Reiz, dass man sich den passenden Wind aussuchen kann. Der Rundkurs liegt im Wesentlichen in SSW und NNO-Richtung, so dass er bei passendem Wind lange Reachingschläge und wenig Kreuz ermöglicht. Dies kommt gerade einer Classe Mini entgegen, die ja auf Reaching- und Raumschotkurse abgestimmt ist.

Ich habe zwei Anläufe unternommen, um die 75 mijls abzusegeln. Am ersten Tag fing es hervorragend an mit einem Raumschotskurs von Stavoren bis vor Hindeloopen mit über 11 Knoten Geschwindigkeit. Kurz vor dem Abschlussdeich merkte ich aber, dass der Autopilot ins Leere arbeitete. Nach kurzer Fehlersuche war klar, dass sich die Schraube, die den Hydraulikzylinder mit dem Ruderquadranten verbindet, komplett gelöst hatte. Reparatur an Land etwa fünf Minuten, auf Wasser aber nicht durchzuführen. Also brach ich den ersten Versuch ab und fuhr nach Stavoren zurück.

Direkt zwei Tage später, am 20.7., zeigte die Windvorhersage schon wieder gute Bedingungen: ab 13 – 14 Uhr auffrischenden, nordwestlichen Wind, der mich recht gut zum Abschlussdeich bringen sollte, dann auf Nord dreht und Reaching bis Raumschot bis nach Lelystad zulässt und abends passend wieder auf Nordwest dreht, damit der Rückweg bis Stavoren nicht zur Kreuz sondern maximal zum Amwindkurs wird. Dieser Fahrplan bedeutet bei ca. 13 Stunden Segelzeit eine Ankunft gegen zwei oder drei Uhr in der Nacht.

Eine eingeschweißte Übersicht mit Kompasskursen und Entfernungen habe ich im Cockpit angebracht, dann gings unter Segeln zur Starttonne und auf die Reise. Auf dieser für mich bisher längsten Strecke und ersten Nachtfahrt ist einiges passiert, hier eine kleine Zusammenfassung.

75Mifls linksGuter schneller Amwindkurs bis zum Abschlussdeich. Bei frischem Wind mein Gedanke – jetzt bin ich mal mutig und setz den großen Spi. War aber zuviel Tuch für Wind und Kurs, so dass ich schnell einen ordentlichen Sonnenschuss hinlegte und mir anschließend wegen des großen Segeldrucks der Beschlag vom Wasserstag des Gennakerbaums abriss. Also Segel runter, Beschlag provisorisch reparieren, erstmal unter Schmetterling ins Surfen kommen. Auch nicht schlecht. Als alles klariert ist, kleineren Spi hoch. Auf der Karte sehen, dass da doch noch eine Untiefe ist, auf die ich direkt zusteuere. Hm, mit flatterndem Spi genug Höhe fahren um herum zu kommen, anschließend wieder abfallen und eine Halse bei weiter auffrischendem Wind verhauen.

Hinter Enkhuizen ein Reachingkurs, der einen erneuten Wechsel auf den Code 5 verlangt. Hier läuft es richtig gut und es geht bis 10,5 Knoten hoch. Dann wieder abfallen, doch nach den bisherigen Erfahrungen mit den Spis lasse ich es ruhiger angehen und lasse einfach den Code 5 oben. Auch hier zieht er ganz ordentlich. Auch die weiteren Manöver klappen gut.

An der Tonne EZ3 der nächste Zwischenfall – ich wähne mich frei von der Tonne und lege neuen Kurs unter Autopilot. Allerdings zu stark, so dass die Tonne immer näher kommt. Ganz schön groß und massiv das Teil. Ich steuere dagegen – immer noch unter Autopilot, so schnell kann ich nicht reagieren und ihn abschalten. Knapp war´s, noch nie habe ich eine Tonne von so nah gesehen …

Die Windrichtung hat bisher immer gut gepasst. Auch den direkten Ostkurs bis zur Ketelbrücke kann ich bei Nordwind gut anliegen. Aber was macht der Wind dann bei den bevorstehenden Strecken zurück nach Stavoren? Kurz gesagt, er dreht genau wie geplant auf Nordwest und lässt mich eine schöne Banane segeln, um mit nur einem kleinen Kreuzschlag zur EL-B vor Lemmer zu kommen. Zufrieden bin ich hier auch mit der Amwindperformance der Amnesty. Mit gut getrimmtem Vorsegel und ordentlich Wasserballast fährt sie ausreichend hoch und immer über 5 Knoten schnell.

Inzwischen ist es duster. Erst hat sich die Sonne hinter den Horizont verzogen, dann auch der Mond. Die Lichter der Tonnen eindeutig zuzuordnen und deren Entfernung zu schätzen ist nicht einfach. Zwischendurch mache ich einen großen Umweg, weil ich die Positionslichter eines Segelboots zusammen mit den Lichtern einer Tonne für den Anfang eines großen Frachters halte. Mir wird richtig mulmig, weil der Frachter scheinbar immer größer wird. Ah nein, das kleine Boot entfernt sich einfach von der Tonne. Also wieder auf den regulären Kurs. Der letzte Schlag von sieben Meilen bis vor Stavoren zieht sich. Recht hoch am Wind, kabbelige Wellen, Müdigkeit und Dunkelheit. Die letzte Tonne erkenne ich spät und fahre etwas Umweg. Doch dann bin ich da. Noch bis zur Hafeneinfahrt Marina Stavoren, davor Segel runter und in der Dunkelheit einen passenden Liegeplatz finden. Boot fest, alles provisorisch klarieren. Ab ins Bett. Unter Deck: alles naß, weil der Ballasttank offensichtlich immer noch nicht dicht ist. Egal, kümmere ich mich morgen drum.

Am nächsten Tag gebe ich online Start- und Zielzeit an, lade den Track hoch und finde mich in der Gesamtwertung vorläufig auf Platz drei wieder. Dank der kurzen Wasserlinie sogar vor der Pogo 12.50 Knubbel. Dazu in der Solowertung auf Platz 2, in der Wertung „ohne Pause“ auf Platz eins. (Inzwischen gesamt Platz 4, Solo Platz 3).

Alles in Allem ein tolles Abenteuer, herausfordernd, lehrreich und erfolgreich. Möglicherweise versuche ich die Strecke noch einmal. Sehr wahrscheinlich aber erst mal die kleine Schwester, die 30 Mijls auf dem Markermeer.

Riclef Schomerus

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